Vorfreude

Willkommen zur neuesten Ausgabe von The Window Seat. In den letzten anderthalb Jahren mussten wir geduldig sein, doch nun sind wir voller „Vorfreude“. Es ist wieder an der Zeit, in die Welt hinauszugehen und das Beste aus jeder Reise zu machen.

Das schottische Hochland, wo Natur auf alte Ruinen trifft, ist die Heimat der nördlichen Kelten. Credit: Margarita Perepecho/Unsplash

Geistiges Erbe: Sprachen, die fast ausgestorben sind

Entdecke die Ursprünge von sechs bedrohten europäischen Sprachen

Unter den heute in der Welt am häufigsten gesprochenen Sprachen dominieren die indoeuropäischen Sprachen. Durch Kolonisierung, Krieg und Migration haben sich Sprachen, die ihre Wurzeln in einer vor mehr als 15.000 Jahren gesprochenen proto-eurasischen Sprache haben, weiterentwickelt, ausgedehnt und andere Sprachen verdrängt. Auf jede Englisch- oder Farsi-sprechende Person kommt eine Hawaii- oder Esuma-sprechende Person weniger auf der Welt. Während die meisten indoeuropäischen Sprachen – es gibt 445 – heute noch existieren, sind einige Sprachen vom Aussterben bedroht.   

Die UNESCO hat fünf Status für Sprachen festgelegt, die vom Aussterben bedroht sind: „verletzlich“, „definitiv gefährdet“, „stark gefährdet“, „kritisch gefährdet“ und „ausgestorben“. Nach Angaben der UNESCO gibt es derzeit 2.418 Sprachen, auf die einer der ersten vier Status zutrifft, und 228, die bereits ausgestorben sind. 

Obwohl es natürlich schön wäre, sich mit allen näher zu befassen, werden wir uns auf sechs Sprachen der indogermanischen Familie konzentrieren, die in irgendeiner Weise gefährdet sind.

Definitiv gefährdete europäische Sprachen

Der Begriff „definitiv gefährdet“ wird für Sprachen verwendet, die Kinder zu Hause nicht mehr als Muttersprache lernen.

Schottisches Gälisch

Das schottische Gälisch wird von den Bewohnern der Highlands gesprochen und hat trotz seiner glorreichen Ursprünge viele Turbulenzen erlebt.

Die Kelten lebten als autonome Clans, was sie an alte Bräuche und Traditionen band. König James I. unterdrückte jene Clans aus Angst vor ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit und zwang sie, Englisch als ihre Muttersprache anzunehmen. Weitere Repressionen durch die englischen Könige führten im 18. Jahrhundert zu den Highland Clearances und der berüchtigten Jakobitenrevolution, die in dem brutalen Massaker an tausenden Schotten in der Schlacht von Culloden Ende des 18. Jahrhunderts gipfelte. Den Schotten wurde verboten, Kilts zu tragen, Dudelsack zu spielen und Gälisch zu lehren. 

Schottland

Doch trotz dieser Verbote bestand das schottische Gälisch fort, obwohl es heute nur noch von etwa 50.000 Menschen in Schottland gesprochen wird. Dank Amerikanern schottischer Abstammung, unerschütterlichen Einheimischen und der Serie „Outlander“ sind schottische Bräuche und Sitten zurückgekehrt, darunter auch das schottische Gälisch, das 2005 als eine der Nationalsprachen des Landes anerkannt wurde.

Mòcheno/Fersentalerisch

Mòcheno ist eine österreichisch-bayerische germanische Sprache, die in der Provinz Trient im Nordosten Italiens gesprochen wird. Ursprünglich aus Süddeutschland stammend, wanderten die Mòcheno im Mittelalter in das Fersental ein, um dort Bergbau zu betreiben. 

Am Fuße der Fleimser Alpen liegen die Gemeinden Fierozzo, Frassilongo und Palù del Fersina, in denen Mòcheno noch immer gesprochen wird, wenn auch nur von 2.270 Menschen. Die mòchenischen Kaufleute, die so genannten „cromeri“, spielten eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der deutschen Sprache in ihrer Gemeinde, die für den Handel mit Österreich-Ungarn unerlässlich war.

Italien

Trotz des Wunsches, an den alten Traditionen festzuhalten, konnten sich die Mòcheno nicht gegen Mischehen und die Italienisierung ihrer Kultur behaupten – insbesondere als nach dem Fall des Reiches nach Deutschland ausgewanderte Familien, zur Rückkehr ins Trentino gezwungen ware, um die Staatsbürgerschaft und Land zu erhalten. Um Vorurteile zu vermeiden, hörten diese Mòchene auf, ihren Kindern die Sprache beizubringen. 

Dank der Entwicklung des Tourismus und der Gründung des Mòcheno-zimbrischen Kulturinstituts, das sich für die Erhaltung und Förderung der Sprache einsetzt, hat die Mòcheno-Sprache wieder an Bedeutung gewonnen.

Stark gefährdete europäische Sprachen

Der Status „stark gefährdet“ bezieht sich auf Sprachen, die von den Großeltern gesprochen werden und die die Eltern zwar verstehen, aber weder untereinander noch mit ihren Kindern sprechen.

Normannisch

Die in der Normandie gesprochene normannische Sprache ist eine Oïl-Sprache, die aus dem im Mittelalter verwendeten Altfranzösisch hervorgegangen ist. Ursprünglich aus dem Lateinischen abgeleitet, ist Normannisch eine Mischung aus wikingerzeitlichen und angelsächsischen Wörtern, die auf den skandinavischen Einfluss und die normannische Eroberung Englands durch Wilhelm I. von Oranien zurückzuführen ist. Wilhelm führte Normannisch als Amtssprache in England ein. Im 14. Jahrhundert gewann dann das Mittelenglische die Oberhand.

Der Einfluss des Englischen verwandelte die Sprache in eine anglo-normannische Mischung. Die französische Revolution ließ ihren Einfluss weiter schwinden und Französisch wurde zur bevorzugten Sprache. Heute sprechen von den 3 Millionen Einwohnern der Normandie nur noch etwa 20.000 Menschen Normannisch.

Normandie

Zum Glück wurde 2019 der Conseil Scientifique et Culturel des Parlers Normands (Wissenschaftlicher und kultureller Rat für normannische Sprachen) gegründet, um die normannische Sprache zu erhalten und zu fördern. Zu den neuen Initiativen gehören ein Universitätsdiplom für normannische Studien, die Eröffnung von „normannischen Cafés“ und eine der Sprache gewidmete Bibliothek.

Kaschubisch

Kaschubisch ist eine slawische Sprache aus Polen, die hauptsächlich in Pommern im Nordosten des Landes gesprochen wird. Zwar kennen 100.000 Menschen die Sprache, doch nur 53.000 von ihnen verwenden sie regelmäßig. 

Im Laufe der Jahre und während der beiden Weltkriege hatten die Kaschuben mit der Indoktrination durch den Kulturkampf und die polnische Regierung zu kämpfen. Die Kommunisten unterdrückten jegliches Erlernen oder Lehren der Sprache, was dazu führte, dass drei Generationen von Kaschuben die Sprache unterschiedlich gut lesen, sprechen oder schreiben konnten. Schließlich sprach die Mehrheit der Kaschuben nur noch Polnisch. 

Polen

Heute wird Kaschubisch in den Schulen als Zweitsprache unterrichtet, um seine Erhaltung zu gewährleisten.

Stettin (Szczecin), Polen, ist eines der beliebtesten Reiseziele in Pommern. Credit: Shutterstock

Kritisch gefährdete europäische Sprachen

Der Begriff „kritisch gefährdet“ wird für Sprachen verwendet, deren jüngste Sprecher ältere Menschen sind, die sie nur selten sprechen.

Tsakonisch

Tsakonisch geht auf das antike Sparta zurück und ist eine der ältesten hellenischen Sprachen Griechenlands. Sie wird von etwa 2.000 Menschen in einer Gruppe von Dörfern in Lakonien und Arkadien im Osten des Peloponnes gesprochen. Die Sprache ist durch die Abwanderung immer mehr verschwunden, vor allem in den nördlichen Bergdörfern Kastanitsa und Sitna, wohin viele Einheimische nur im Sommer zurückkehren. 

Die ganzjährig ansässige Bevölkerung ist älter. Zusammen mit der Wahrnehmung, dass es sich um eine Sprache für Bauern handelt, ist der Rückgang der Sprache verständlich. Tsakonisch wurde bisher vor allem gesprochen und nicht geschrieben, da seine Phonetik schwer zu transkribieren ist. 

Griechenland

Leider sieht die Zukunft für Tsakonisch nicht rosig aus, da es an Lehrenden und einer schriftlichen Version der Sprache mangelt.

Kastanitsa, Griechenland, liegt an den steilen Hängen des Berges Parnon und ist die Heimat der Tsakonier. Credit: Shutterstock

Kornisch

Wie der Name schon vermuten lässt, stammt Kornisch aus Cornwall im Südwesten Englands. Die keltische Sprache, die im 18. Jahrhundert ausstarb, kam im 20. Jahrhundert dank des wachsenden Interesses an der keltischen Kultur wieder auf. Heute ist sie als offizielle Minderheitensprache anerkannt.

Die Geschichte des kornischen Volkes ist von Rebellionen zum Schutz seiner Unabhängigkeit geprägt. Ihre Bräuche, ihre Sprache und ihre Gemeinschaft unterscheiden sich stark vom Rest Englands, was zu einer eigenen Identität geführt hat.

Cornwall

Doch trotz ihrer Bemühungen wurden die Kelten durch die massive Kolonisierung dazu gezwungen, weiter nach Westen zu ziehen. Die anglikanische Kirche zwang die kornische Bevölkerung im Zuge des Assimilationsprozesses zur englischen Sprache.

Heute wird die kornische Sprache in der Grundschule unterrichtet. Die englische Regierung stellt finanzielle Mittel zur Verfügung, um Bildungsprogramme für künftige Generationen zu entwickeln.