Kultur

Willkommen zur neuesten Ausgabe von The Window Seat. Diesen Monat erkunden wir, wie Kultur unsere Geschichte widerspiegelt, unsere Bindungen stärkt und uns dazu bringt, die Welt zu entdecken.

Während der Pandemie hat die weltweite Theaterszene geduldig auf ihre große Rückkehr gewartet. Credit: Shutterstock

Die Show muss weitergehen

Erfahre von echten Kennern und Szene-Profis, wie die Theaterwelt ein Jahr im Lockdown überstanden hat

Kaum zu glauben, dass es mehr als ein Jahr her ist, dass das Leben, wie wir es kannten, zum Stillstand gekommen ist. Und beinahe nirgendwo ist der Stillstand spürbarer als in der Theaterbranche. Überall auf der Welt schlossen die Theater ihre Vorhänge und schalteten die Bühnenbeleuchtung aus. 

Ungeachtet der pandemischen Rückschläge haben die Theater in ihren kreativen Gewölben gegraben und neue aufregende Wege gefunden, um das Publikum von zu Hause aus zu unterhalten. Wir haben mit Vertretern der Branche in Großbritannien, den USA und Australien gesprochen, um herauszufinden, wie sie das vergangene Jahr gemeistert haben und welche Hoffnungen sie für die Zukunft hegen. 

Matt J. Bur ist ein Broadway-Bühnenmanager mit Sitz in New York City. Er hat zuletzt an „Beetlejuice the Musical“ gearbeitet.

Becky Mumby-Croft: Was war das Schwierigste an der Pandemie für dich bzw. für die Theaterbranche? Wie hat sich das Fehlen des physischen Publikums auf die Branche ausgewirkt?
Matt J. Bur: Das Schlimmste an dieser Pandemie war, dass mein ganzes Leben stillstand. Theater ist zu zeitaufwendig, um nur ein Beruf zu sein – es ist ein Lebensstil, eine Gemeinschaft, eine allumfassende Beschreibung dessen, wer wir sind. Es ist nicht nur mein Job, der weg ist. Jeder einzelne Teil meines Lebens wurde im letzten Jahr auf Eis gelegt, und kein einziger Teil meines Lebens ist zur Normalität zurückgekehrt. Der Sinn des Theaters besteht darin, Menschen in einem Raum zusammen zu bringen, um die eine kollektive, einmalige Erfahrung zu machen Das ist in dieser Branche aktuell unmöglich.

B.M.C.: Wie ist die Theaterszene während der Pandemie positiv geblieben?
M.J.B.: Die Theatergemeinschaft ist stark, und unsere Bindungen gehen tief. Wir verlassen uns auf das gegenseitige Verständnis für diese missliche Lage, in der wir uns befinden, und für den einzigartigen Lebensstil, den wir geliebt und verloren haben. Die Künstler nutzen ihre Zeit, um sicher und virtuell zu produzieren, und wir alle nutzen diese Zeit, um uns an dem schönen Theater zu erfreuen und zu feiern, was wir alle in der Vergangenheit geschaffen haben.


B.M.C.: Welche amerikanischen Theater empfiehlst du den Leuten zu besuchen und/oder zu unterstützen?
M.J.B.: Der Great White Way war schon immer meine erste Theaterliebe und beste Empfehlung. Es gibt nichts Besseres, als in ein wunderschönes, altes Broadway-Theater zu gehen und ein riesiges, groß budgetiertes Musical zu sehen. Die Emotionen, das Geschichtenerzählen, die Magie, das Spektakel! Es ist einfach nirgendwo anders besser. Der Broadway kommt zurück, und wir können es nicht erwarten, euch zu sehen!

Katrina Ferguson ist eine professionelle Schauspielerin, die ursprünglich aus Australien stammt. Sie ist Off-Broadway und an regionalen Theatern in den Vereinigten Staaten und Europa aufgetreten.

B.M.C.: Wie hat sich der Verlust des physischen Publikums auf die Branche ausgewirkt? Was ist so besonders daran, vor einem Live-Publikum aufzutreten?
Katrina Ferguson: Das Fehlen eines physischen Publikums hat dazu geführt, dass es keine Einnahmen aus dem Kartenverkauf gibt. Das Personal wurde entlassen, und viele kleinere Theater haben im ganzen Land geschlossen. Wenn wir vor einem Live-Publikum auftreten, ist die Reaktion des Publikums, einschließlich des Lachens, entscheidend für das Erleben der Aufführung. Ich spiele in vielen Komödien, und das Publikum ist im Grunde eine weitere Figur. Wir können ihnen zuhören, ihrem Lachen und ihren Reaktionen.

B.M.C.: Wie hat sich die Theatergemeinschaft während der Pandemie ihren Optimismus bewahrt?
K.F.: Die Pandemie und die Black-Lives-Matter-Bewegung haben zusammen mit politischen Unruhen die Ungerechtigkeiten in den USA aufgedeckt. Diese Ungerechtigkeiten wurden auch in unserer Branche aufgedeckt, wobei die Gewerkschaften der Darsteller und Bühnenleiter Erklärungen zur Unterstützung der BLM-Bewegung abgegeben haben. Wir sind alle entschlossen, uns vorwärts zu bewegen, wohl wissend, dass wir noch viel lernen müssen und dass es noch viel zu tun gibt, um die Art von inklusivem Theater zu schaffen, die wir brauchen. Diese Ansätze bewegen uns alle in eine positive Richtung. 

B.M.C.: Wie denkst du über die Zukunft des Theaters?
K.F.: John Steinbeck schrieb: „Das Theater ist die einzige Institution der Welt, die seit viertausend Jahren im Sterben liegt und nie untergegangen ist. Es erfordert zähe und hingebungsvolle Menschen, um es am Leben zu erhalten.“ Und genau das passiert, deshalb bin ich immer wieder inspiriert von der Kreativität der Menschen. 

Das Theater hat sich vorerst ins Internet verlagert. Es gibt so viele Inhalte zum Streamen, dass ich kaum mithalten kann. Zoom-Theater und Online-Events werden zu einer neuen Kunstform. Vorsprechen, die normalerweise persönlich stattfinden, sind jetzt online. Wenn das Wetter es zulässt, gibt es überall [in den USA] Theater mit Sicherheitsabstand im Freien, und für den Sommer sind weitere Veranstaltungen geplant. Ich bin also hoffnungsvoll, es scheint, dass wir immer wieder einen Weg finden.

Terry LeCompte ist ein professioneller darstellender Künstler und Künstlerpädagoge, der derzeit als Direktor für Bildung für das Ocala Civic Theatre in Florida tätig ist. 

B.M.C.: Das Ocala Civic Theatre blieb während der Pandemie geöffnet, wie hat das Theater das geschafft?
Terry Lecompte: Das Ocala Civic Theatre schloss im März [2020] wie vorgeschrieben. Im Frühjahr und Sommer 2020 haben wir unser Programm für die 70. Saison neu gestaltet – unsere künstlerische Leiterin Katrina Ploof hat eine neue Saison mit wunderbaren Stücken und Musicals mit sehr kleinen Besetzungen geschaffen. Die Besetzung is so erfolgt, dass die Paare auf der Bühne von Paaren aus dem wirklichen Leben gespielt werden. Wir achten auf den Sicherheitsabstand und blocken Sitzplätze und wir reinigen Kostüme und Requisiten akribisch, um die Gesundheit unserer Darsteller und der Technikcrews sicherzustellen. Außerdem verlangen wir von allen Zuschauern, Masken zu tragen.

B.M.C.: Wie hast du die Kreativität während der Pandemie am Leben erhalten?
T.L.: Als das Ocala Civic Theatre geschlossen wurde, war mein Bildungsteam in der Lage, schnell umzuschwenken und eine Reihe von virtuellen Theaterkursen zu entwickeln. Wir waren alle entschlossen, unsere Jugend weiterhin zu fördern, da wir genau wussten, dass das Theater für viele junge Menschen eine Art Rettungsanker ist.  

Zusätzlich zu den virtuellen Kursen habe ich drei virtuelle Produktionen geleitet – Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ und zwei Musicals, die online geprobt und aufgeführt werden. Ich habe diese Zeit auch genutzt, um neue Fähigkeiten zu erlernen, die mit meiner Theaterkarriere einhergehen, indem ich Online-Kurse belegte, darunter Filmschnitt und Tonproduktion. Künstler finden immer einen Weg, um weiter zu schaffen, und diese Pandemie hat uns daran erinnert, wie widerstandsfähig und einfallsreich wir alle sind.

B.M.C.: Wie denkst du über die Zukunft des Theaters?
T.L.: Theaterschaffende auf der ganzen Welt haben der Gesellschaft während dieser Pandemie weiterhin Trost, Hoffnung, Freude, Katharsis, Inspiration und Verbindung geschenkt. Theater hat nie mehr gebraucht als einen einzelnen Geschichtenerzähler und jemanden, der zuhört. Wenn wir wieder in der Lage sind, uns von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, werden wir dort ansetzen. Wir werden eine noch stärkere Branche aufbauen, indem wir all die neuen Fähigkeiten anwenden, die wir gelernt haben, mit einer frischen Sammlung von Erfahrungen und Geschichten, die die ganze Welt auf ihre eigene Weise abholt.

Ellie Simpson ist Produzentin am Pleasance Theatre in London und leitet Pleasance Futures, die Initiative zur Künstlerentwicklung beim Edinburgh Festival Fringe.


B.M.C.: Was war deine erste Reaktion auf den ersten Lockdown? Was dachtest du, würde mit der Branche passieren?
Ellie Simpson: Schock, Sorge und Verwirrung. In der einen Minute bereiteten wir uns darauf vor, unsere Pleasance Comedy Reserve zu veranstalten, und in der nächsten waren unsere Türen auf unbestimmte Zeit geschlossen. Ich glaube, wir alle dachten, dass es innerhalb von ein paar Monaten vorbei sein würde. Keiner von uns konnte vorhersehen, dass es so lange andauern würde. Genauso wie die verheerenden Auswirkungen, die es auf viele Brachen hatte, besonders aber auf die Kunst. Ich wusste, dass unsere Branche widerstandsfähig sein muss, aber ich hätte nicht gedacht, dass unsere Theater über ein Jahr lang dunkel sein würden.


B.M.C.: Wie hat Pleasance Online-Aufführungen eingebunden? Was sind die Vor- und Nachteile von Online-Performances und wird es sie auch in Zukunft geben?
E.S.: Wir haben digitale Tourneen und Aufführungen mit Marketing unterstützt und sichergestellt, dass wir, während unsere Veranstaltungsorte dunkel blieben, immer noch auf unsere Arbeit, die gemacht wird, aufmerksam machen. Während der Pandemie haben wir unsere Räume als Produktionsstätte für Streaming-Comedy und als Aufnahmeraum für Video-on-Demand-Shows genutzt. Wir haben Pläne, dies weiter auszubauen, da ich denke, dass die Digitalisierung in gewisser Weise bleiben wird.

Die explosionsartige Entwicklung der digitalen Aufführungen hat einen enormen Einfallsreichtum gezeigt. Viele Künstler haben ihre Shows für die Bühne als Hörspiele oder Podcasts adaptiert. Wir haben auch eine bessere Erreichbarkeit gesehen, sowohl in Bezug auf den Ort als auch auf die Kosten, was sehr wichtig ist. Digital ist so erfolgreich, dass ich denke, es wird schwer sein, den Geist wieder in die Flasche zu bekommen. Ich denke jedoch, dass es schwer sein wird, eine Live-Show vor Ort, ihre Energie und den gegenseitigen Austausch zwischen Darstellern und Publikum zu übertreffen.


B.M.C.: Inwiefern wird das Edinburgh Fringe 2021 anders sein als in den Vorjahren? Was stellst du dir vor?
E.S.: Es wird 2021 ein Edinburgh Festival Fringe geben, allerdings wird es wahrscheinlich eine aufregende Mischung aus persönlichen Aufführungen und digitalem Streaming sein, mit einem hoffentlich einfallsreichen Zusammenspiel zwischen beiden. Das Fringe ist das größte Kunstfestival der Welt und ein wichtiger Teil unseres Ökosystems. Es ist auch ein wichtiges Sprungbrett für Nachwuchskünstler. Ein zweites Festival zu verpassen, wäre verheerend und wenn das passiert, denke ich, dass unsere Branche und die Künstler sehr lange brauchen werden, um sich davon zu erholen. Auch wenn das Fringe in diesem Jahr kleiner ausfällt, ist es für Künstler und Publikum wichtig, dass wir den Geist des Fringe am Leben erhalten und brennen lassen.